Daniel Morgenthaler

Kunstbulletin 9/2013


Karin Lehmann - Skulptur sanft durchbuchstabieren

Es ist alles andere als ein Schreibfehler: Die aktuelle Einzelausstellung von Karin Lehmann im Bieler CentrePasquArt muss ‹Sklupturen› heissen. Denn die junge Künstlerin bringt den Skulpturbegriff ebenso sanft durcheinander, wie sie auch unseren Alltag subtilen Eingriffen unterzieht.

«Skulptur» kann man ganz unterschiedlich schreiben. Gross, wie Urs Fischer, der winzige Teddybärchen in riesige Statements umformuliert. Oder klein, wie Jean-Frédéric Schnyder mit seinen skulpturalen Kleinbuchstaben aus Nussschalen. Oder aber man buchstabiert das Wort gleich um: Wie die junge Berner Künstlerin Karin Lehmann, die ihre grosse Einzelausstellung im CentrePasquArt mit dem vermeintlichen Neologismus ‹Sklupturen› betitelt.
Die sanfte - und auf den ersten, immer auch autokorrektiven Blick kaum sichtbare - Abänderung des seit Jahrhunderten wohlbekannten Skulpturbegriffs ist aber weniger Ausdruck einer revolutionären Neuformulierung der Bildhauerei. Lehmann zielt in einem ersten Schritt viel eher auf einen Rückbezug auf ein sehr ursprüngliches Verständnis von Skulptur: «Ich arbeite ausschliesslich mit dem, was ich gerade zur Hand habe. Mit sehr alltäglichen Materialien», so die Abgängerin der Hochschule der Künste Bern. Im ersten Saal ihrer Bieler Schau findet man so etwa statt erhöhender Sockel - Socken. Lehmann hat sie in Gips getunkt und ausgetrocknet mitten im Raum platziert.

Verdauung in der Umkleidekabine
«Den ersten Saal verstehe ich als Vorbereitung und Auftakt, fast als eine Art Umkleidekabine, bevor die Ausstellung dann richtig beginnt», erklärt Karin Lehmann. Neben den Socken findet sich hier auch ein einfacher umgekehrter Kübel. Der sich, zur allgemeinen Überraschung, immer einmal wieder etwas hebt und dabei ein seltsam gluckerndes Geräusch von sich gibt. Dieses wichtige Arbeitsutensil Lehmanns, das erst noch Arbeitsgeräusche produziert, entpuppt sich als Schlüssel zur Ausstellung - vielleicht sogar zum Werk Lehmanns ganz allgemein. Die Künstlerin krempelt nämlich den Skulpturbegriff eben weniger radikal um, als dass sie es zulässt, dass er sich immer wieder anders - und immer unter lautem Blubbern - anmischt. Wie sie die Buchstaben des Wortes «Skulptur» neu mixt - übrigens nicht nur in Ausstellungs-, sondern auch in diversen Werktiteln - genauso mischt sie alltägliche Materialien zu neuen skulpturalen - pardon: sklupturalen - Konstellationen auf.
Das hat teilweise schon fast etwas Alchemistisches: Seit Piero Manzonis ‹Merda d'artista› von 1961 wissen wir, dass Kunst Scheisse in Gold verwandeln kann. Karin Lehmann, die sich zuerst an der Schule für Gestaltung in Bern zur Keramikdesignerin ausbilden liess und entsprechend auch sehr genau über Materialeigenschaften Bescheid weiss, nutzt diese kunstgeschichtlichen Errungenschaften aus - das Blubbern im ersten Saal erinnert nicht zuletzt auch an einen Verdauungsvorgang. Sie belässt es aber nicht bei einer derart einfachen, umdefinierenden Handlung. Vielmehr nutzt sie die physikalischen und chemischen Eigenschaften der verwendeten Stoffe und Materialien aus, um auch während der Ausstellungsdauer noch Umwandlungen geschehen zu lassen.
So hat etwa eine Arbeit von 2012, welche die Künstlerin anlässlich der Abschlussausstellung des Masterstudiengangs der HKB in denselben Räumen zeigte, in denen nun Lehmanns ‹Sklupturen› stehen, Spuren hinterlassen: Kleine Punkte an der Decke der Säle erinnern daran, dass die Künstlerin damals kleine Kügelchen ungebrannten Tons dorthin geklebt hat. Weil diese mit der Zeit antrockneten und deshalb ihre Haftung an der Decke verloren, fielen sie nach und nach auf die Pechvögel herunter, die sich gerade im Ausstellungsraum befanden.

Tanzende Socken
Aber auch im Falle der aktuellen Ausstellung hat Karin Lehmann einen Eingriff getätigt, der sich unmittelbar auf den Ausstellungsraum auswirkt - wenn auch nicht ganz so besuchergefährdend: «Bei einem längeren Aufenthalt in London habe ich in einem Quartier gewohnt, in dem sehr viele Afrikanerinnen und Afrikaner leben. Das hat die Gegend entsprechend farblich geprägt. Ich habe bald gemerkt: Wenn ich etwas aus London mitnehme, dann ist es die Lust, einmal mit Farbe zu arbeiten», erinnert sie sich.
Bezeichnenderweise hat die Künstlerin sich aber nicht einfach für eine pigmentierte Farbe entschieden, sondern zählt auf die Intensität eines natürlichen Farbstoffs, der auch in zahlreichen Esswaren als Färbemittel zur Anwendung kommt: des Randensafts. Lehmann hat sämtliche Fenster der Ausstellungsräume mit Randensaft - Marke Biotta - angestrichen. Damit taucht sie nicht nur ihre übrigen, meist farblosen, Arbeiten in ein rosa Licht. Der Randensaft wird auch während der Ausstellung auf das einfallende Sonnenlicht reagieren und seine Farbe verändern. Wie genau, weiss auch die Künstlerin nicht. Für andere Arbeiten hat Karin Lehmann den Aggregatszustand eines Alltagsgegenstands bereits vor Ausstellungsbeginn permanent verändert. Die Socken im ersten Raum werden ergänzt durch ein weiteres Paar, das noch expressiver Bewegung suggeriert. «Für mich sind das die tanzenden Socken», so die Künstlerin. In einem anderen Fall hält ein ebenfalls mit Gips fixiertes Frotteetuch eine Metallstange im Gleichgewicht, während daneben ein langes Tuch selbst zur steifen Stange wird: Lehmann hat es in Gips getunkt und dann ausgewrungen. Nun hängt es - ähnlich wie ein Exponat in einem Naturmuseum, ein Walzahn beispielsweise - mitten im Raum.
Und dann gibt es noch die Arbeiten, deren Aggregatszustand in einem selbst drin sich immer wieder ändert. Sind die ebenfalls in Randensaft getunkten und an die Wand gelehnten Gipsarbeiten etwa noch im Fluss begriffen, wie die Lavaschichten eines weissroten Vulkans? Oder sind sie fest - und erinnern einen an Surfbretter? Oder auch, die Gedanken sind schliesslich frei, an übergrosse Toilettendeckel? Das in der ganzen Ausstellung hörbare Blubbern der Eingangsarbeit lässt jedenfalls alle drei Assoziationen zu.

Die Alchemistin
Und während die historischen Alchemisten versuchten, mittels Hitze aus einem Stoff einen wertvolleren herauszuschmelzen, vertraute auch Karin Lehmann schon auf das Potenzial des Feuers. In ihrer soeben zu Ende gegangenen «Caravan»-Einzelschau im Aargauer Kunsthaus zeigte sie Glasplatten, die an einem Ende - ähnlich wie alchemistische Reagenzgläser und Utensilien - geschwärzt und zudem zerbrochen waren. Hier hatte die Künstlerin das Glas so lange mit einer Flamme erhitzt, bis es einer völlig zufälligen Linie entlang geborsten war.
Karin Lehmann mag vielleicht nicht aus Scheisse Gold machen (interessanterweise erlaubt es die Alchemie der Kunst ja ohnehin nicht, dass man bewährte Methoden wiederholt: Niemand wird es heute noch schaffen, seine Fäkalien nach dem Manzoni-Rezept teuer zu verkaufen). Aber sie nimmt andere profane Gegenstände wie Frotteetücher und Socken oder Materialien wie Gips und Randensaft, lässt es gurgeln, und heraus kommen berührende Arbeiten. Berührend gerade deshalb, weil sie keine Berührungsängste mit dem menschlichen Körper zeigen. Unsere Beziehung zu anderen und zum eigenen Körper kann es immer einmal wieder vertragen, dass sie konstruktiv durcheinandergebracht wird - wie das übrigens auch unserer Sprache nur guttut. Karin Lehmanns Skulpturen, oder besser, ihre ‹Sklupturen›, schaffen das.

Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und Kurator am Helmhaus Zürich, dani_moergi@hotmail.com

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