Marc Munter

Text Booklet Karin Lehmann, CARAVAN 2/2013
Ausstellungsreihe für junge Kunst / Series of exhibitions of young art: 18. Mai − 11. August 2013
Aargauer Kunsthaus, Aarau

In her artistic work Karin Lehmann starts with everyday materials such as plaster, glass, Styrofoam or metal. Technically adept, her experiments with these raw materials lead her to discover unfamiliar or unusual qualities that she then develops into autonomous works. Her focus is on the work process, which plays a major role in defining the shape the objects, sculptures and installations take. Casting, throwing, burning, bending, pouring, shredding, breaking: through her manipulations Karin Lehmann challenges the material, establishing an interplay between her control of the material and the material‘s control of her. Her body is inscribed into the work, as it were: the weight of the plaster object Handle (2012) corresponds approximately to her personal lifting capacity, and several wall pieces reveal her body’s range of motion (e.g. Gips [Plaster], 2012). As an artist she does not aim for the spectacular or monumental or narrative. Inspired by minimal art, yet less strict and adding a touch of humour instead, she is interested in the processual and in treating the source material ‹at eye level.› In this way Karin Lehmann achieves immediate yet subtle transformations that are open to interpretation. Sometimes visitors are astonished, sometimes they are deceived in their perceptions – close scrutiny and a willingness to adopt unusual perspectives are a must.
At the Aargauer Kunsthaus Karin Lehmann conceived an allusive work involving the stairway to the basement: there she let a rag soaked in plaster slide down one of the banisters and splash onto the floor (Untitled, 2013) – as if someone had left a cleaning rag on the banister that then became independent. Humorously, the artist draws attention to the elegant inner hand rail of the helical stairs, which is not used much by museum visitors. The way in which the elegant curve shape is emphasized also calls to mind the history of design and art: as early as the mid-18th century, the painter and graphic artist William Hogarth, for one, described the S-shaped serpentine line as the «Line of Beauty and Grace.» The intervention leads on into the basement to the installation titled Black edged (2013): contrasting with the white, amorphous plaster piece, the glass plates reflect the blackness of the floor surface and are themselves soot-covered and jagged at the upper edges. Karin Lehmann treated the glass plates with burning torches until the heat caused the glass to burst. The soot on the variously waved edge sections appears amazingly velvety and, placed into a row, the glass plates call to mind a congealed yet fragile volcanic landscape.

Marc Munter

(translated by Bram Opstelten)


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Karin Lehmann geht für ihre künstlerische Arbeit von alltäglichen Materialien aus, beispielsweise Gips, Glas, Styropor oder Metall. Handwerklich versiert, entdeckt sie durch Experimentieren unbekannte oder ungewöhnliche Eigenschaften der Rohmaterialien, die sie zu eigenständigen Werken weiterentwickelt. Ihr Fokus liegt auf dem Arbeitsprozess, der die endgültige Form der Objekte, Skulpturen und Installationen mitbestimmt. Giessen, werfen, brennen, biegen, schütten, schreddern, brechen: Karin Lehmann fordert das Material mit ihren Bearbeitungen heraus und lässt sich auf ein spannendes Wechselspiel zwischen ihrer Beherrschung des Werkstoffs und dem Beherrschtwerden durch denselben ein. Ihr Körper ist in die Arbeiten eingeschrieben: Das Gewicht des Gipsobjekts Handle (2012) entspricht etwa ihrer persönlichen Tragkraft, und an verschiedenen Wand- und Bodenarbeiten lässt sich der Bewegungsradius ihres Körpers ablesen (z.B. Gips, 2012). Als Künstlerin sucht sie weder das Spektakuläre noch das Monumentale oder Erzählerische. Von der Minimal Art inspiriert, doch weniger streng und stattdessen mit einer Prise Humor, gilt ihr Interesse dem Prozesshaften und einem Umgang auf ‹Augenhöhe› mit dem Ausgangsmaterial. Auf diese Weise erzielt Karin Lehmann unmittelbare und gleichwohl subtile Transformationen, die eine offene Interpretation zulassen. Mal sind die Betrachter verwundert, mal werden sie in ihrer Wahrnehmung getäuscht: Genaues Hinschauen und die Bereitschaft für ungewohnte Sichtweisen sind gefragt.
Für das Aargauer Kunsthaus konzipierte Karin Lehman eine anspielungsreiche Arbeit beim Treppenabgang: Sie liess hier einen in Gips getränkten Lappen das Treppengeländer hinuntergleiten und auf den Boden klatschen (Ohne Titel, 2013) – als ob jemand einen Putzlappen auf dem Geländer liegen gelassen hätte, der sich daraufhin selbstständig machte. Humorvoll lenkt die Künstlerin das Augenmerk auf den formschönen, von Besuchern jedoch selten benutzten, inneren Handlauf der Helix-Treppe. Die Betonung der eleganten Kurvenform lässt auch an Design- und Kunstgeschichte denken: Schon Mitte des 18.Jahrhundert beschrieb beispielsweise der Maler und Grafiker William Hogarth die s-förmige Schlangenlinie als «Line of Beauty and Grace» [Linie der Schönheit und Anmut]. Die Intervention führt weiter ins Untergeschoss zur Rauminstallation Black edged (2013): Im Kontrast zur weissen, amorphen Gipsarbeit reflektieren die Glasscheiben das Schwarz der Bodenfläche und sind nach oben hin verrusst und zackenförmig abgebrochen. Karin Lehmann bearbeitete die Glasplatten mit brennenden Fackeln, bis die Hitze das Glas springen liess. Der Russ auf den unterschiedlich gewellten Randpartien wirkt erstaunlich samtig, und aneinandergereiht lassen die Glasplatten Bilder einer erstarrten, aber fragilen vulkanischen Landschaft aufkommen.

Marc Munter